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Waischenfelder Prozession"über den Berg"
Ein Beitrag zur fränkischen Kultgeschichte und Volkskunde Von Dr. Michel Hofmann
Aus: Fränkische Blätter, vom 28.05.1953
Die ältesten Zeugnisse für eine besondere Verehrung des Eucharistischen
Sakraments in der Bürgerschaft des Städtleins Waischenfeld sind die
Urkunden und Einträge über die Stiftung des Engelmeß-Benefiziums, zu
dem die Bürgerseheleute Fritz und Anna Arg im Jahr 1456 ihr Vermögen
vermachten und das schließlich im Jahr 1482 die bischöfliche
Bestätigung fand. Der jeweils vom Stadtrat präsentierte Benefiziat
(meistens ein Bürgerssohn) wohnte in einem eigenen Pfründhaus neben der
Stadtkapelle, hatte den Pfarrer in der Pfarrkirche zu unterstützen,
hielt allwöchentlich die "Engelmeß" und alle Donnerstag vor einer
"itzlichen Cottemer" (Quatember) sein "Begängnis", einen feierlicheren
Gottesdienst mit gesungener "Vigilg" und Messe. Seit etwa 1700 scheint
dieses Benefizium, gleich dem Frühmeßbenefizium (14. Jh.) und dem
St.Ulrichs- oder Spitalmeß- Benefizium (1514), nicht mehr eigens
besetzt. sondern durch den Stadtpfarrer und seine Kapläne verwaltet
worden zu sein.
Über eine Engelmeß- oder Corporus-Christi- Brüderschaft zu Waischenfeld
war bisher den mittelalterlichen Quellen nichts abzugewinnen, jedoch
scheint die später wiederholt beglaubigte Brüderschaft bereits Im 15.
Jh. bestanden zu habe Auch für die Waischenfelder
Fronleichnamsprozession sind erst aus dem 16. Jh. Belege bekannt. Laut
Bürgermeister- Rechnung wurden nach dem Umgang in der Stadt die
"Wäppner, die in Harnisch gangen", (im ausgehenden 16. Jh. dafür die
Schützen) mit Bier, dagegen die Geistlichen und vornehmeren Teilnehmer
im Pfarrhof auf Kosten der Stadt mit Wein bewirtet. Nachmittags aber
ließ die Stadt durch einen Brauer Bier auf den Berg (oder: auf den
"Lankendorfer Berg") liefern, seit 1520 etwa jeweils drei Eimer Bier.
Dabei handelte es sich jedoch keineswegs um ein nachmittägliches
Volksfest, sondern um eine zweite theophorische Prozession mit einer
sonstwo kaum nachweisbaren Rast und Bewirtung sämtlicher Teilnehmer auf
freier Bergeshöhe.
Anordnungen für Fronleichnam
Die klarste Vorstellung dieser einzigartigen Bergprozession liefert uns
die Fronleichnams- Ermahnung des Magisters der Philosophie, Albert
Virgilius Dietzludwig, der vom 1. November 1470 bis zu seinem Tod am
20. September 1686 Stadtpfarrer in W. war und als der tieffromme,
seeleneifrige und dabei friedfertige Restaurator der Pfarrei nach dem
Schwedenkrieg größte Verdienste hat. Die Ermahnung beginnt:
Andächtige, Auserwählte in Christo
dem Herrn Gott zu Ehren, Eurer Seel aber zum besten, hab ich etwas zu
ermahnen, weiches Euer Lieb und Andacht In der Stille mit Geduld und
Aufmerksamkeit wollen anhören. Weiln nun das heutige Fest Corporis
Christi, samt den Umgängen die Oktav durch, ein Vorspiel und Vorlauf
der festlichen Sollennität und Prozession, die im Himmel mit Chrlsto
von allen Engeln und Auserwählten ewiglich gehalten wird, und In den
Prozessionen die acht Tag durch, obwohl unsichtbar, doch wahrhaftig
gegenwärtig Jesus Christus mit seiner Gottheit und Menschheit, Fleisch
und Blut, Leib und Seel, ein zukünftiger Richter sowohl der Lebendigen
als auch der Toten, samt allen Heiligen Gottes umgetragen wird in der
Monstranz, damit wir desto begieriger nach den Zukünftigen trachten und
desto herzlicher uns darnach sehnen sollen, so zweifle ich nit daran,
niemand werde sein, wenn er anderster ein rechtschaffener Christ, er
werde alle Kräften daran strecken, daß die Sollennität die Oktav durch
mit gebührender Reverenz und Andacht möchte angefangen und vollendet
werden.
Es folgen Einzelanweisungen für die Vormittags-Prozession "in der Stadt
herumb", die z. T. wörtlich mit den Anordnungen für die Bergprozession
am Nachmittag übereinstimmen. Bevor wir uns dieser zuwenden, seien hier
noch die sonstigen Anweisungen des Pfarrers Dietzludwig inhaltlich
wiedergegeben:
Am Sonntag in der Fronleichnamsoktav ist der Gottesdienst (mit Predigt,
Amt und Prozession) allein in Nankendorff, das ursprünglich die
Mutterkirche für Waischenfeld, seit dem 15. Jh. aber lediglich
Filialkirche der Waischenfelder Stadtpfarrei war. Am Oktavtag ist In
Waischenfeld Prozession "umb die Kirchen", nach dem ausgestrichenen
Konzept aber ursprünglich in der Stadt, und zwar mit 1. Altar auf dem
Markt, 2. Altar in dem alten Kastenhof (zuletzt Finanzamt), 3. Altar in
Herrn Kastners Behausung (unbestimmbar), 4. Altar bei dem Stadttor gen
Nankendorf.
Ferner: 1. Die Engelmeß- Bruderschaft allhier möchte eingepflanzt
werden (offenbar Wiedererrichtung); 2. die ehrsamen und achtbaren
Handwerker sollen soviel zusammentun, daß.. . statt der langen Stängen
möchten 12 gleich den Osterstöck neben dem Himmel getragen werden), 3.
die Gläubigen sollen das Venerabile bei Provisuren zu den Kranken
begleiten (bei Provisuren nach auswärts nur bis zum Stadttor); 4. In
der Fronleichnams- Oktav soll täglich für die Verstorbenen, für Gut-
und Wohltäter ein Amt In Waischenfeld oder Nankendorf cum "expositione
Venerabilis" stattfinden.
Anordnungen für die Prozession "über den Berg"
Zur nachmittägigen Bergprozession gibt Pfarrer Dietzludwig folgende Anweisungen:
Heut nachmittag gleich nach 12 Uhr wird das Venerabile getragen werden
von hier aus in das würdige Gotteshaus Nankendorf. Und weilen diese
Prozession gestiftet zur Andenkung der wunderbarlichen Speisung, so
Christus dem Volk, welches über den Berg nachgefolget, getan, so soll
die Prozession nachmittags angefangen und vollendet werden mit
folgender Ordnung.
Gleichwie Christus (wie Johannes 6) in gehaltener Prozession über den
Berg erstlich ausgestiegen aus dem Schifflein, der Catholischen
Kirchen, und dem Volk zum ersten gepredigt vom Reich Gottes, darnach
allererst traktiert von leiblicher Unterhaltung, also Christus zur
hochlöblichen Nachfolg soll das Pfarrspiel die Ordnung auch halten:
1. Von dem Schifflein Weschenfeld aus in das Schifflein der Kirchen
Nankendorf steigen, allda das Wort Gottes, die Predigt, mit Furcht
anhören; dann das Geistliche gehet vorher, das Zeitliche und Leibliche
folget nachher; und gleichwie die Seel mehr dann der Leib, also soll
man erstlich die Speis für die Seel suchen, nachgehends für den Leib.
2. Gleichwie es in gehaltener Prozession Christi ganz ordentlich
zugangen im Gehen, Stehen und Niedersitzen, dann sie setzten sich nach
Geschichten je hundert und hundert, fünfzig und fünfzig, wie der Herr
befohlen hatte, also damit es In unserer Prozession möchte ordentlich
zugehen so sollen dem 1. Fahnen folgen alle lediges. Stands Jungfrauen,
dem 2. Fahnen alle lediges Stands Junggesellen; hiernach wird getragen
"Arbor vitae", deine nachfolgen die paramentierte Musikanten, das
Venerabile, Herrn, so den Himmel tragen, nachgehends die Herren
Beamten, Herren Bürgermeister und Rat mit ihren Stäblein; dem 3.
Fahnen, so gleich nach der Herren Stäblein soll getragen Werden, sollen
folgen alle Bürger und Bauern ; dem 4. Fahnen sollen folgen alle Frauen
und Wittfrauen sowohl in als außer der Stadt.
Mit dieser Anordnung soll das ganz Pfarrspiel aus- und wieder nach Haus
gehen. Und wer die Ordnung perturbiert, dem soll weder Brot noch Trunk
gegeben werden, dannenhero die weltliche Obrigkeit fleißige Obsicht zu
halten, auch Vorsichtigkeit, daß ein jedweder Fahn samt seinen
verordneten Personen mit der Brotspend, so allhier bei Hirtens
Behausung wird ausgeteilt, möchte versehen werden; zu besserer
Auskommen können die Laiblein Brot halbiert oder gar zervierteilt
werden.
Zur Austeilung des Trunks auf dem Berg sollen von Herren Bürgermeister
und Rat gewisse Bürger einem jedweden Fahnen deputiert werden, damit
sie der Notdurft nach zum wenigsten mit einem Trunk möchten versehen
werden, dahero einem Jedweden Fahnen verordnete Personen sollen
zeilweis sitzen, auf jeder Zeil zehn Personen, sitzen bleiben, bis daß
ein Person der andern den Becher handgereichet.
Gleichwie Christus in gehaltener Prozession über den Berg, ehe und
zuvor er das Volk gespeiset, gen Himmel gesehen, die Brot gebenedeiet
und gebrochen, darnach allererst den Jüngern geben und durch die jünger
dem Volk, also soll Christo zur hochlöblichen Nachfolg vor dem Essen
das Benedicite, nach dem Essen das Gratias gesprochen werden; das
Benedicite aber soll in nachfolgender Danksagung bestehen:
Nachdem zu Nankendorf die Predigt aus, so soll sich ein jedwedere
Person zu seinem verordneten Fahnen machen, und dahero gleich nach der
Predigt sollen die Jungfrauen zum ersten aus der Kirchen gehen,
nachgehends die Junggesellen, und sich in die Ordnung stellen. NB: Den
Vorläufern soll kein Trunk gegeben werden, sondern darvon verstoßen
seint
In dieser Ordnung soll ein jedweder Fahn mit seinen Personen züchtig
und ehrbar auf den Berg steigen, an dem deputierten Ort stille stehen;
hinten nach dein Fahnen sollen die Personen zeilweise stehen, auf eine
Zeit zehn Personen, und, wann das Venerabile vorbeigetragen wird,
niederfallen, wie sie In der Zeile stehen, auf ihre Knie, knieend
bleiben, bis das Gesang, so man statt des Benedicite wird singen, vor
dem Essen mitsingen oder aber das Gesang zu Herzen fassen. Nach dem
Gesang, gleich wie sie zeitweis gekniet, also zeilweis niedersitzen,
sitzend bleiben, bis ein Person eine der andern den Becher
gehandreichet. In dem soll, das Benedicite bestehen.
Das Gratias aber nach dem Essen soll in folgender Danksagung bestehen:
Gleichwie bei jedweder Fahnen die verordneten Personen seint gesessen,
also sollen sie nach dem Essen wieder niederknieen und in dem Herzen
sprechen: Herr, wir danken dir für alle Gaben, / so wir von dir
empfangen haben / 0 Jesus, umb das Leiden und zarten Fronleichnam
dein; wir danken dir, so Christen sein!
In diesem Gedanken solle das Volk knieend bleiben, bis der Priester die
Benediktion mit dem Venerabile gegeben. In währender Benediktion aber
soll ein jedweder frommer Christ zu dem gegenwärtigen Chtisto in dem
Herzen rufen und schreien: 0 Jesu, liebster Jesu mein, / wann wirst du
bei mir kehren ein? Wann wirst du dann vollkommenlich mit dir, o Jesu,
kräftigen mich? 0 Jesu, dir leb ich; o Jesu, dir sterb ich; o
Jesu, dein bin ich tot und lebendig, Amen. Nach der Benediktion sollen
alle ordentlich das Venerabile wieder bis allhier in das würdige
Gotteshaus begleiten.
Die Stifter und Zustifter
An anderer Stelle nennt Pfarrer Dietzludwig als Stifter der Brotspende
die Waischenfelder Bürgerswitwen Dorothea Meyerin und Walburg Lauerin,
als Stifter des Trunks auf dem Berg den aus W. gebürtigen Johann
Pleßner, der Priester und Altarist zu Weiden war, seine Eltern Ulrich
und Elisabeth Pleßner, Cunrat und Friedrich Stang, Friedrich
KeIlermann; Meister Peter Gummann, Bürger und Beck zu Bamberg,
ebenfalls gebürtiger Waischenfelder, hat anderthalb Dutzend zinnene
Becher, damit ein bessere Ordnung in der Austeilung des Trunks gehalten
werden möchte, andächtig darzu gestiftet. Aber diese Becher waren durch
Kriegsraubung hinweg gekornmen, so daß im Jahr 1660 die Stiftung
erneuert wurde. Es stiftete Kastner Georg Weiglein sechs Becher,
Forstmeister und Stadtvogt Georg Dentzler sechs Becher, Ratsbürger und
Gotteshauspfleger Johann Kellermann sechs Becher, der hochadelig
Aschhausensische Vormundschaftsverwalter zu Rabeneck, Wilhelm Gick,
einen Taler für küpferne Stützen, desgleichen Ratsbürger und Leineweber
Hans Neuner, Bürger und Gemeinherr Hans Bauer, Beck und Bürgermeister
Hans Beck, je neun Batzen stifteten Ratsbürger und Fleischhacker Hans
Neuner und Ratsbürger und Beck Michel Lindner.
Am Fronleichnamstag zog demnach in der gleichen Zugsordnung, die für
den vormittägigen Umgang in der Stadt selbst galt, um die Mittagsstunde
die Bergprozession mit dem Allerheiligsten nach Nankendorf, und zwar
nicht auf der Talstraße, sondern auf dem linken Wiesentufer, zunächst
durch die Fischergasse, wo am Hirtenhaus (beim "Aala", Aeulein = kleine
Au) die Brote ausgeteilt wurden, zu einem Predigtgottesdienst in der
Mutterkirche Nankendorf, und von dort über den Auberg wieder zurück
nach Waischenfeld. In Zehnerreihen lagern sich die Teilnehmer auf dem
Auberg, knien nieder, singen bei Vorbeizug des Venerabile ein frommes
Lied, setzen sich wie bei der biblischen Speisung der 5000 ins Gras,
essen ihr Brot, trinken aus dem durch die Reihen gehenden Becher, geben
ihn weiter, sprechen kniend ein Dankgebet, erhalten den Segen mit dem
Venerabile und wallen singend und betend heimwärts.
Gewiß eine religiöse Feier von eigenartigem Reiz: kirchliche
Frömmigkeit und deutsche Naturfreude, Himmlisches und Irdisches
verbindend und zugleich an die wunderbare Speisung der 5000 wie an die
urchristlichen Liebesmähler erinnernd
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