STADT WAISCHENFELD
Sie befinden sich auf der Seite:

Startseite > Kultur & Brauchtum > Geschichte > Berühmte Persönlichkeiten > Die Gruppe 47

 
 

Wie die Pulvermühle 1967 Literaturgeschichte machte

Ein paar Dutzend Dichter - und kein Vers (Gruppe 47)

von Gert Rückel

So etwas hatte es in der Geschichte des Bayreuther Landes noch nicht gegeben: Gleich ein paar Dutzend Dichter und Schriftsteller - unter ihnen die berühmtesten Poeten der Republik kamen an idyllischem Ort zusammen. Und doch kam kein einziger Vers auf die liebliche Gegend dabei heraus, lediglich ein satirisches Gedicht Carl Amerys mit der Überschrift "Pulvermühlen- Komplott 1967". Ansonsten war den versammelten Dichtern leider nicht zum Dichten zumute, wie dieser Beitrag erhellen wird.

Zum Glück war die Pulvermühle - sie war damals der Treffpunkt - schon vorher Objekt der Poesie geworden - zwar nicht auf hohem literarischem Niveau, dafür aber recht einprägsam. Auf der Rückseite einer kleinen Wanderkarte, den die Ortsgruppe Ailsbach des "Fränkische – Schweiz - Vereins" herausgegeben hat, findet sich der Vierzeiler: "Hast du satt das Weltgefühl, / Dann wandre hin zur Pulvermühl', / Hier kann der Mensch in frohen Stunden /Am Herzen der Natur gesunden."

Es war die "Gruppe 47", die hier vom 5. bis 9. Oktober 1967 ihre 31. Tagung abhielt. Dreißig Jahre später ist die damalige Zusammenkunft der Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker bereits Legende. Zum Tagungsort Pulvermühle - im Bayreuther Land jedem bekannt - wäre anzumerken, dass in der ursprünglichen Mühle (ihre Geschichte reicht Jahrhunderte zurück) tatsächlich etwa fünfzig Jahre lang Pulver gemahlen wurde, bevor sie im Jahr 1806 in die Luft flog. 1922 wurde hier eine Gastwirtschaft eröffnet, und im Laufe der Jahre entstand der heutige Gasthof mit Cafe und Pension. Seele des Familienbetriebes ist Kaspar Bezold, der auch Gastgeber der Literatenvereinigung war.

Entstanden war die "Gruppe 47", wie der Name schon sagt, im Jahre 1947. Hans Werner Richter, "Bindeglied", Motor und Integrationsfigur der Gruppe, wies schon früh auf die Absichten der Gruppe hin: "Der Ursprung der Gruppe 47 ist politisch - publizistischer Natur. Nicht Literaten schufen sie, sondern politisch engagierte Publizisten mit literarischen Ambitionen."

Hans Werner Richter, geboren am 12. November 1908 auf der Insel Usedom, orientiert sich schon in jungen Jahren politisch nach links. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft gibt er eine Lagerzeitung heraus, anschließend engagiert er sich in München als Herausgeber der politisch - literarischen Zeitschrift "Ruf". Als diese Zeitschrift 1947 von der amerikanischen Militärregierung verboten wird, lädt Richter im September 1947 die Redakteure und die Autoren der letzten Nummer des "Ruf" zusammen mit jungen unbekannten Schriftstellern an den Bannwaldsee nach Füssen ein.

Auf dem "elektrischen Stuhl" Von Anfang an hat sich ein ganz bestimmtes Ritual herausgebildet: Hans Werner Richter wählt den Tagungsort aus, lädt per Postkarte zu den Tagungen ein, er organisiert sie und leitet die Diskussionen. Neben ihm nimmt der "Delinquent" auf dem "elektrischen Stuhl" Platz und liest aus seinen Werken vor, bevor ihn die Kollegen, später auch geladene Berufskritiker wie Joachim Kaiser oder Reich-Ranicki, entweder "zerreißen" oder in den literarischen Himmel erheben. Bestehen junge Begabungen diese Feuertaufe, dann ist oft der Grundstein auch für materielle Erfolge gelegt, denn Richter konnte seit Beginn der 50er Jahre immer wieder Rundfunkintendanten als Sponsoren gewinnen. Der Rundfunk wird zum Mäzen vieler "47er" und verbessert dadurch nachhaltig ihre finanzielle Lage. Einige junge Talente werden auf den Tagungen erst entdeckt, so 1952 die Schriftstellerin Ilse Aichinger. Andere bereits Bekannte rücken ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Handtke oder Günter Grass.

So gelten die Gruppentreffen schon bald als "Talentschmiede" und literarische "lnformationsbörse". Oft meldet sich die Gruppe am Ende der Tagungen mit Petitionen, Protesten und offenen Briefen zu aktuellen politischen Problemen zu Wort. Als Hans Werner Richter im Jahr 1967 die idyllisch gelegene "Pulvermühle" im Bayreuther Land als Tagungslokal auswählt, ist die Welt alles andere als idyllisch: Der Vietnamkrieg wirft seine Schatten, Kurt-Georg Kiesinger ist Bundeskanzler der großen Koalition von CDU/CSU und SPD. In Berlin gehen Studenten der außerparlamentarischen Opposition auf die Straße, protestieren gegen den Vietnamkrieg, gegen den Staatsbesuch des Schah von Persien, gegen Notstandsgesetze und Wiederaufrüstung, gegen Hochschulreform und Pressekonzentration. Ihre Straßenschlachten mit der Polizei beunruhigen die Republik.

Im Grunde ist es reiner Zufall, dass sich die Literaten für ihr 31. Treffen gerade die "Pulvermühle" bei Waischenfeld aussuchen. Es ist der aus Forchheim stammende Schriftsteller Klaus Röhler, der die "Fränkische Schweiz" ins Gespräch bringt, und Hans Werner Richter entscheidet sich für das alte Wirtshaus, weil es so abgelegen ist: Dieses Mal will man unter sich sein. Die "Gruppe 47" ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwer angeschlagen. Auf der Tagung im Jahr zuvor, in der Universität von Princeton (USA), war es arg stürmisch zugegangen. Der junge, fast unbekannte Peter Handtke aus Graz hatte sich nach Tagen ermüdender, langweiliger Lesungen zu Wort gemeldet und die Gruppe frontal angegriffen. In den Monaten danach wurden die Angriffe nicht nur von konservativer Seite immer heftiger und polemischer. Deshalb musste eine neue Tagung stattfinden, "irgendwo auf dem Lande, in der Einsamkeit, ohne den Stress der großen Öffentlichkeit" (Hans Werner Richter). Richter hatte sich durch einen langen Urlaub am Meer auf diese Tagung vorbereitet.

"Invasion" von 70 Schriftstellern. Wer dreißig Jahre später in der Pulvermühle nach Spuren der "Gruppe 47" sucht, der braucht ein gutes Auge. Drei kleine gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos erinnern noch an die Invasion der siebzig Schriftsteller, Verleger und Kritiker im Oktober 1967.

dutzend Dichter Auf einem Fotobild der gruppe 47 vor der pulvermühle sieht man einen missmutig dreinblickenden Günter Grass, auf einem anderen plaudert Hans Werner Richter mit dem damaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller, der als Gast vorbeigekommen war. Wenn man danach fragt, holt Kaspar Bezold, der Wirt der Pulvermühle, das Gästebuch hervor. Kein Zweifel: im Jahre 1967 war hier fast die gesamte deutsche Nachkriegsliteratur versammelt: Wolfgang Hildesheimer, Guntram Vesper, Helga Maria Novak, Jürgen Becker, Walter Höllerer, Horst Bienek, Siegfried Lenz, Helmut Heißenbüttel, Peter Härtling, Martin Walser, Peter Bichsel, Erich Fried und andere. Günter Grass lobt die Knödel, Wolf-Dietrich Schnurre die Forellen, und Günter Eich schreibt bedauernd in Bezolds Gästebuch: "Die Pulvermühle hat nur einen Nachteil: dass man sie nicht mitnehmen kann."

Mit Literatur hatte der Wirt der Pulvermühle damals nichts am Hut, mit den Linken schon gleich gar nicht. Dem Ortspfarrer erschien die Invasion linker Literaten sogar recht bedenklich, wie er in der Kirche bemerkte. Aber Kaspar Bezold war geschäftstüchtig und ließ sich die Chance auf ein volles Haus nicht entgehen. So sperrt er im Oktober 1967 seine Zufahrtsbrücke über die Wiesent für alle Nichtliteraten und überlässt sein Haus für fünf Tage dem "uneingetragenen Literatenverein", wie der "Spiegel" die berühmte Gruppe nennt. Für die Lesungen im alten Wirtshaussaal (er wird 1972 ein Opfer der Flammen) leiht sich der Wirt Sessel aus dem Landratsamt. Wie immer, wird auch 1967 in der "Pulvermühle" unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelesen und diskutiert. Und doch nimmt die Tagung der "47er" im Wiesenttal plötzlich einen ganz anderen Verlauf, als beabsichtigt. Hans Werner Richter schildert dies rückblickend so:

"Es ist wie immer. Günter Eich sitzt vor mir, Wolfgang Hildesheimer, Günter Grass, Walter Höllerer, Joachim Kaiser, Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki. Aber es fehlen auch viele, Kritiker wie Walter Jens und Hans Mayer Einige sind gekommen - sie sagen es nicht, ich sehe es ihnen an -, um bei der Beerdigung der "Gruppe 47 dabei zu sein. Aber ich denke nicht daran, ihnen eine Beerdigungszeremonie zu bieten. Diese Genugtuung wird es für niemanden geben, auch nicht für unsere Gegner Doch dieser pessimistische Grundzug ist schnell verschwunden. Die Atmosphäre früherer Tagungen stellt sich wieder ein: der Humor, die Freude an der Sprache, an der Literatur Draußen demonstrieren angebliche Studenten. Sie sind in hochfeudalen Wagen angereist. Ich weiß, die wenigsten sind Studenten. Ihre Hintermänner sitzen im Saal Freunde von mir, die sich aus allzu harmlosen Formalisten in lautstarke Ideologen verwandelt haben und nun Revolutionäre spielen. Es ist ein Verdacht, der sich erst sehr viel später bestätigen soll".

Der Chef der "Gruppe 47" kann sich aus dem überraschenden Spektakel nicht heraushalten, denn er wird direkt angesprochen: "Die Studenten rufen Richter soll rauskommen' oder ähnliches. Ich gehe hinaus, und die Studenten fordern mich auf, per Megaphon natürlich, zu den Grundsätzen zurückzukehren, die ich im ,Ruf' vertreten habe, zu einer klassenkämpferischen Position. Ich muss über sie lachen..." Richter mokiert sich über die Überraschungsgäste: Es sind höchst seltsame Klassenkämpfer. Ihre Kostümierung ist faschingsähnlich – Klassenkampf – Fasching in der Pulvermühle im Oktober – ein sonderbares Bild. Als ich wieder den Saal betrete, wirft meine Frau einen der Demonstranten hinaus. Er ist als Clown verkleidet und trägt ein Transparent vor der Brust mit der Aufschrift ,Saubermänner'. Es geht alles sehr schnell, und der Ankläger ist draußen, bevor ihn jemand bemerkt hat ... Doch der Lärm draußen geht weiter, die Störungen werden für die Lesungen unerträglich. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als eine Pause anzusagen - eine Kaffeepause. Alle strömen hinaus, um sich die kostümierten Studenten mit ihren Transparenten anzusehen ..."

Hans Werner Richter schildert auch die höchst unterschiedlichen Reaktionen der Teilnehmer zwischen Anpassung und Wut: "Viele lachen, einige schütteln die Köpfe, aber andere stellen sich, nicht sehr offen, mehr versteckt, auf die Seite der Demonstranten. Reinhard Lettau lässt sich das Megaphon geben und hält eine Rede. Sie beginnt mit der Anrede "Genossen". Der schmale, schmächtige Lettau gibt sich auf einem Stuhl wie Lenin. Eben war er noch pro-amerikanisch und jedes dritte Wort hieß: ich bin ein Amerikaner. Er erzählt seinen Genossen, dass die Gruppe 47' schon eine Resolution gegen Axel Springer verabschiedet habe, eine Resolution, die die Studenten verlangen. Ich fordere die Teilnehmer auf, wieder in den Saal zu kommen und lasse die Türen schließen. Unterhalb der Glasterrasse, auf der wir dann Kaffee trinken, verbrennen die Demonstranten mitten in einem Obstgarten Zeitungen, Broschüren und anderes. Das wiederum regt Carl Amery so auf, dass er hinausrennt und die Demonstranten anschreit: "Das, was Sie da tun, ist absolut antimarxistisch. Obstbäume sind Produktionsmittel. Die zerstört man nicht". Als die Lesungen wieder beginnen sollen, sind alte voller Aufregung. Günter Eich, der unmittelbar vor mir sitzt, beugt sich vor und flüstert: Lass mich jetzt lesen. Ich habe das Richtige zur Beruhigung.'

Aber bevor ich Günter Eich lesen lassen kann, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Günter Grass greift Reinhard Lettau an. Ich habe, sagt Grass, Dir nicht die Genehmigung gegeben, in meinem Namen zu sprechen, und Du hast auch nicht das Recht, im Namen der ,Gruppe 47' zu sprechen. Lettau verteidigt sich und nun zeigen sich jene ideologischen Fronten, die außerhalb der Gruppe 47' entstanden sind, an den Universitäten, in den Republikanischen Clubs, auf der Straße. Erich Fried, Yaak Karsunke, Martin Walser ergreifen Lettaus Partei und es gelingt mir nur mühsam, den Streit zu beenden. Erst als ich sage: , Und jetzt liest Günter Eich', wird es plötzlich still. "

Damit scheint die Situation tatsächlich gerettet zu sein. Hans Werner Richter:"... und Eich liest mit seiner Satire aus den, Maulwürfen' über Vater Staat und Mutter Natur alle ideologischen Frontenbildungen hinweg, er liest sie gleichsam vom Tisch. Mir wird in diesem Augenblick bewusst, dass Literatur sehr viel stärker sein kann als jede Ideologie. Und Günther Grass verwendet in seiner Erzählung "Das Treffen in Telgte", in der er eine Dichttertagung im Jahre 1647, also dreihundert Jahre vor dem ersten Treffen der 47er, schildert, manches Hintergrundmaterial, das an die Tagung der Gruppe in der "Pulvermühle" erinnert.

Die Literaten fühlten sich damals trotz der Auseinandersetzungen und der Störungen von außen recht wohl in diesem romantischen Winkel des Bayreuther Landes. Günter Eich blieb gleich noch eine Woche länger. Tagsüber durchstreifte er mit dem Wirt die Fränkische Schweiz, nachts spielte er mit ihm Schach. Und auch Hans Werner Richter schaute mit seiner Frau Toni fast zwanzig Jahre später nochmals vorbei und war sichtlich überrascht: Er hätte nicht geglaubt, den "Wirt von damals" anzutreffen, schrieb er ins Gästebuch. Um so mehr freute er sich darüber.

Die "Beerdigung" fand nicht statt

Das Ende der "Gruppe 47" war von manchem schon im Oktober 1967 erwartet worden. Das WDR hatte laut Toni Richter schon einem Film vorbereitet (er war auf einem alten Wiener Friedhof gedreht worden), der die Beerdigung der Literatengruppe zum Thema hatte. "Der Streifen: Das Begräbnis der Gruppe 47 wurde nicht gesendet", merkt die Ehefrau Richters in ihrem 1997 erschienen Buch "Die Gruppe 47" lakonisch an.

Das Ende der Literatengruppe

Auch wenn die Tagung in der Pulvermühle im Oktober des Jahres 1967 nicht das letzte Treffen der Gruppe 47 war, so hatten sich dort doch nach Ansicht von Hans Werner Richter Tendenzen verfestigt, die die Gruppe über kurz oder lang zerstören mussten: Ideologische Verkrampfungen auf der einen Seite, hochentwickelter Formalismus auf der andern. Richter wollte der Gruppe eine Zerreißprobe ersparen, er suchte nun selbst eine Gelegenheit zu einem "Staatsbegräbnis erster Klasse". Die geplante Tagung im folgenden Jahr in der Nähe von Prag konnte wegen des Einmarsches der "Roten Armee" nicht stattfinden. Man traf sich 1972 im kleinen Kreis in Berlin, um dann die "Gruppe 47" im September 1977 zu ihrem letzten Treffen nach Saulgau einzuladen. Zehn Jahre nach dem Treff in der Fränkischen Schweiz war das Ende der berühmten Literatengruppe gekommen.

 
Aus: Von einem Paradies durch das andere, Landratsamt Bayreuth 1997.  Autoren: Bernd Mayer und Gert Rückel. 

 

nach oben

 

 

 
Stadt Waischenfeld Marktplatz 1 91344 Waischenfeld
Design: TMT-Teleservice GmbH & Co. KG
Impressum