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Die große schon längst vergessene Palmsonntagsprozession
Einziger heute noch existierender Hinweis darauf ist das Kleindenkmal
an der Ecke des Rathauses. Der Kalkstein ist 138x86 cm groß und war,
wie aus der Inschrift zu ersehen, der Unterbau eines Kreuzschleppers
(siehe "Modelhaus"). Dieser Martersockel könnte Teil eines Kreuzweges
gewesen sein, der früher durch Waischenfeld führte. Es ist aber auch
möglich, dass dieser Ort Station der großen Waischenfelder
Palmsonntagsprozession war.
Eine ausführliche Beschreibung dieser Wallfahrt fand ich in Heft Nr. 18
der Vereinszeitschrift des Fränkische Schweiz- Vereins von 1925. In
dieser Prozession kommt übrigens auch der hölzerne Walfisch vor, der
sich lange Zeit im Dachboden des Rathauses befunden hatte. Nazis ließen
ihn in den 30er Jahren verschwinden. Auch deshalb ist diese
Prozessionsbeschreibung von 1710 wert, wieder abgedruckt zu werden,
gewährt sie doch Einblicke ins Brauchtum früherer Jahrhunderte. Lassen
wir also Benefiziat Hofmann aus Waischenfeld berichten. wie sich diese
Palmsonntagsprozession zugetragen hat.
"Die große Waischenfelder Palmsonntagsprozession"
Heutzutage pflegt man nur noch im Gebirgslande Oberbayern und Tirol
religiöse Schauspiele zu suchen, wo der Faden der Überlieferung bis zu
den mittelalterlichen Mysterienspielen zurück nie ganz abgerissen ist.
Doch dürfte es wenigen bekannt sein, daß auch das Städtchen
Waischenfeld mit einer gewissen Regelmäßigkeit am Palmsonntag immer
seine Aktion vom bitteren Leiden und Sterben Jesu hatte, und der
gewaltige Walfisch auf dem Dachboden des Rathauses, der leicht ein
mittelstarkes Schulkind mit seinem Holzrachen verschlucken könnte, ist
wohl der einzige Überrest jenes großartigen Aufzuges, der ehedem am
Palmsonntag das Städtchen mit seiner weiten Umgebung in Bewegung und
sicherlich auch in tiefe seelische Erregung setzte. Es ist mir
gelungen, noch ein einziges Exemplar der gedruckten Programme
aufzutreiben, und dieses gewährt uns einen interessanten Einblick, wie
man jeweils am Palmsonntagnachmittag in einer imposanten Prozession die
große Erlösungstat Jesu dem gläubigen Volke erleben ließ. Um es der
Nachwelt zu retten, sei dies Programm dem Worte und Buchstaben nach
getreulich abgedruckt.
VORBEDEUTUNG:
aus der alten Geschicht, aus dem neuen Testament von dem heiligen
Leiden Christi des unleidlichen Gottes in dem leidlichen Fleische allen
frommen Gläubigen in einer Bußprozession zur Nachfolg vorgestellt in
dem Gebürgstädtlein Waischenfeld mit allhiesiger Bürger Beisteuer am
Palmsonntagnachmittag angestellt. Eingang zur Prozession, Verderben des
menschlichen Geschlechtes durch Ungehorsam des ersten Menschen,
Erlösung desselben durch den Gehorsam des zweiten Adam Jesu Christi:
1. ein Führer mit einem Trauerstab in Trauer gekleidet
2. ein Engel trägt den Titel: dem Leiden Christi zur Ehr' der christlichen Seele zur Lehr.
3. ein trauernder Musikchor mit Posaunen und Zinken
4. Adam, der erste Sünder, trägt den Baum des Lebens, woran die Schlange hängt
5. Tod und Teufel folgen Adam auf dem Fuß nach und führen ihn mit Stricken
6. die Erdkugel, darauf ein Totenkopf mit dem Apfel im Mund, oben mit
Schwert und Geißel bedeckt, unten mit Dornen und Disteln, von Europa,
Asien, Amerika und Afrika getragen
7. das mit Arbeit und Mühsal beladene Menschengeschlecht
8. das Kind Jesu trägt sein Marterzeug mit dem Kreuz auf der Schulter
9. folgt eine kleine Abteilung kleiner Kreuzträger mit weißen blutbeschmutzten Kleidern.
Erste Ordnung, Einsetzen des hochwürdigen Sakraments und Angst Christi im Garten:
1. ein Engel trägt den Titel: Einsetzung des allerheiligsten Sakraments
2. das Osterlamm, aus dessen Seite Blut fließt, getragen von vier Metzgern
3. zwei Knaben tragen Brot und Wein dem Melchisedek vor
4. Melchisedek, Priester und König von Salem, mit einem Rauchfaß
5. die Bundeslade, in welcher das Manna aufbewahrt wird, ein Vorbild des Tabernakels, von zwei Leviten getragen
6. ein Chor Engel mit Zimbeln
7. Bild Christi unseres Heilands, des Hohenpriesters nach der Ordnung des Melchisedek, getragen von vier Priestern
8. ein Engel trägt den Titel: Gebet Jesu im Ölgarten
9. Moses zwischen Hur und Aron mit aufgespannten Armen
10. ein Bild des bitteren Leidens am Ölberg von sechs getragen
11. eine Abteilung mit ausgespannten Armen betend in blauen Röcken.
Zweite Ordnung, Gefängnis und Verhöhnung Christi:
1. ein Engel trägt den Titel: die Gefängnis Christi
2. der unschuldige Joseph von seinen Brüdern gebunden
3. Judas mit 30 Silberlingen
4. Malchus, des Hohenpriesters Knecht, mit einer Laterne
5. römische Krieger mit Lanzen
6. erste Rotte, mit Fahnen, Trommel und Pfeifen
7. Christus persönlich mit gebundenen Händen
8. Soldaten mit Waffen
9. ein Engel trägt den Titel: Verspottung Jesu
10. David, von König Achis verspottet
11. Jesus selbst in einem weißen Kleid mit verbundenen Augen zwischen zwei spottenden Soldaten.
Dritte Ordnung, Geißelung und Krönung Christi:
1. ein Engel trägt den Titel: Geißelung Christi
2. der schöne bunte Rock des unschuldigen Joseph mit Blut besprengt von
einem Schäfer an einem Weidenstock getragen, ein Vorbild der Abkleidung
und Geißelung Jesu
3. ein Bild des gegeißelten Heilands von vier getragen
4. eine Abteilung Geißler in weißen Röcken
5. ein Engel trägt den Titel: Dornenkrönung Jesu
6. Salomon mit Dornen gekrönt
7. ein Bild des mit einer Dornenkrone verachteten Herrn, von vier getragen.
Vierte Ordnung, Kreuztragung:
1. ein Engel trägt den Titel: Kreuztragung Christi
2. der gehorsame Isaak trägt das Bündel Holz, ein Vorbild des kreuztragenden Heiland
3. Abraham mit gezücktem Opfermesser, ein Engel hält seinen Arm
4. ein Widder unter Dornen statt Isaak geschlachtet, getragen von 4 Metzgern
5. römischer Offizier mit Parison
6. erste Schar Soldaten mit Feldzeichen SPQR, Trommel und Pfeifen
7. die zwei Schächer Dismas und Kosmas gebunden
8. Henker tragen die zwei Kreuze nach
9. Veronika trägt das Schweißtuch mit dem Antlitz des Herrn
10. der kreuztragende Jesu von einem Soldaten geführt
11. Simon von Syrene (NB: Veronika zeigt Christo beim dreimaligen
Kreuzfall das Schweißtuch vor, zu jedem Fall wird ein Signal gegeben,
dann sinkt das Volk nieder und betet ein Vater unser
12. römische Soldaten
13. eine Abteilung Kreuzträger aus allen Altern, Geschlechtern und Klassen der Menschen.
Fünfte Ordnung, Kreuzigung:
1. ein Engel mit dem Titel: Kreuzigung Jesu
2. der unschuldige Abel, ein Vorbild Jesu
3. Kain mit einem Knüppel
4. Moses mit der ehernen Schlange
5. ein Soldat trägt den Rock Christi mit einer Lanze
6. Longinus, der römische Offizier, mit einem Spieß, womit er die Seite öffnet
7. das große Kreuz, getragen von sechs Männern
8. das Bild der schmerzhaften Muttergottes, getragen von sechs Frauen.
Sechste Ordnung, Begräbnis Jesu:
1. ein Führer mit einem Stab in Trauerkleidung
2. ein Trauerengel trägt den Titel: Begräbnis Jesu
3. der Walfisch verschluckt den Jonas
4. ein Chor singt die Passion
5. der hl. Leichnam Jesu im Grab, getragen von acht Ratsherrn.
Siebte Ordnung, Das andächtige weibliche Geschlecht:
1. ein Führer mit einem Trauerstab
2. eine Trauerjungfrau trägt den Titel: die schmerzhafte Muttergottes
3. Simeon der Priester
4. Bild der betrübten Mutter Christi mit sieben Schwertern im Herzen, getragen von vier Jungfrauen
5. ein Chor Jungfrauen singen Trauerlieder
6. eine Ordnung Jungfrauen trägt die hl. fünf Wunden
7. Trauerfahne
8. andächtiges Volk.
Alois Mitterwieser, Verfasser des Buches ”Fronleichnamsprozessionen in
Bayern" (München 1949), berichtet folgendes über die Palmprozessionen
im allgemeinen: "Die Prozession zu Beginn der Karwoche ist vom Orient
ausgehend, wohl über Gallien in die römische Liturgie eingedrungen. In
ihr ist die liturgische Nachformung des historischen Einzugs Christi in
Jerusalem zu sehen. Hierbei ist bereits im hohen Mittelalter (etwa
1000-1250) durch das Mitführen eines Palmesels und durch die vielerorts
eingeschaltete Kreuzverehrung eine szenische Bereicherung eingetreten.
Bedeutsam erscheint auch das Heraustreten der Palmprozession aus der
Kirche und das Einbeziehen der Stadt in den Vollzug des Geleits. Auch
die dem römischen Ritus an sich fremden, auf gallischem und deutschem
Boden jedoch vielfach üblichen, Auferstehungsfeiern sahen eine
Prozession vor, die sogar als theophorische Prozession bereits vor der
Fronleichnamsprozession bekannt gewesen zu sein scheint."
In Bezug auf den Waischenfelder Umgang am Palmsonntag sind mir keine
Belege bekannt, die darauf hinweisen, wann die letzte Veranstaltung
stattfand. Fest steht jedoch, dass zu Beginn der Säkularisation (1802)
viele Prozessionen verboten und eingestellt wurden.
In Lohr am Main findet heute noch, jeweils um 10.30 Uhr eine
"Karfreitagsprozession" statt. Bei ihr wird noch die Darstellung eines
"Jonas im Walfisch" wie sie früher auch in Waischenfeld üblich war,
mitgetragen
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