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Einleitung
Wie fremd ist den Städten das Brauchtum geworden. Nicht bloß der
moderne Zeitgeist trägt die Schuld, sondern es fehlt der Rahmen für das
lebendige Weben einer bodenständigen Welt, von der das Brauchtum
umschlossen ist. Das Knistern im alten Gebälk des Wohnhauses, das
Klirren der Ketten im Stall, das flatternde Geflügel mit dem leisen,
nächtlichen Traumgesang. Jeder Hof ist eine Welt für sich, jeder Hof
eine Burg voll umsorgten Glücks. Er ist von einem Wall lauernden
Unheils umgeben, das dem Besitz und allen Lebewesen darin droht. So ist
es heute - so war es vor Jahrhunderten - solange eben das Bauerntum
besteht. Die kraftvolle Heimatverbundenheit des Bauern mit Boden und
Vieh, stand sehr im Naturgeschehen und im Anklammern an die mächtig
schimmernde Gottheit. Das geht bis ins Heidentum unserer Vorfahren
zurück - beherrscht von rauher Willkür unholder Geister, wurde dann vom
Mittelalter übernommen, wo gläubiges Vertrauen und hexenbesessener
Aberglaube in arger Wirrnis lagen. Heute verflacht das Brauchtum in
unserer neuen Zeit vor allem beim jungen Geschlecht, solange bis es in
Vergessenheit gerät.
Einen Großteil am Brauchtumsmord trägt zunächst auch die Technik, die
mit ihren Neuerungen bis ins Herz des Bauernhofes vordrang. So mußte
das Butterfaß der Melkmaschine weichen, der Mähdrescher verdrängt,
Sichel, Sense, und Bindemäher, das sommerliche Dengellied wird vom
Gekreisch des elektrischen Schleifsteins übertönt, und Tränkeimer haben
keinen Platz mehr im Stall, denn jede Kuh hat ihren automatischen
Tränker am Barren. Die Häckselmaschine verrostet, der Backofen verfällt
oder wird zur Garage umgebaut. Dreschflegel und die Romantik des
täglichen Winterdrusches sind unbekannte Dinge für unsere Jugend, wie
auch Flachshechel und Spinnrocken. Dadurch wechseln Rockenstuben mit
den Tanzsälen, die oft auch die heilige Zeit mißachten, Radio und
Fernsehen und Kino schieben sich störend ins traute Heim. Darin liegt
die Gefahr, daß alles schöne Brauchtum, verwurzelt in treuer
Überlieferung teils im christlichen, teils im heidnischen Sinn, langsam
aber gründlich von der Aufklärung zertrümmert wird. Ich möchte da als
Beispiel das Räuchern in den drei Hauptnächten der "Zwölfen" erwähnen.
In wie wenig Häusern geschieht es noch. Manche Mutter tut es ängstlich
und heimlich, denn die junge Bäuerin sieht es nicht gern, dieses
"abergläubische, altmodische Zeug". Dabei denkt sie nicht, daß der
Rauch der Weihkräuter, verbunden mit dem Stillen, innigen
Gebetsgeflüster der Altbäuerin, einen Schutzmantel göttlichen Segens um
das Gehöft spannt. Wenn wir von Brauchtum sprechen, müssen wir
unterscheiden, zwischen Bräuchen, die im Aberglauben verklammert sind
und solchen, die sinnvoll und segensverbunden sind.
Erstere sind Überbleibsel aus der heidnischen Zeit, die auch das
Christentum nicht auszurotten vermochte. Segensreiches Brauchtum jedoch
verdanken wir der Klugheit der ersten Glaubensboten, die das alte
heidnische Brauchtum nicht ausrottete, sondern im christlichen Sinne
umgestaltete. Betrachten wir heute abergläubische Drohungen, so finden
wir in den meisten eine heimlich verborgene Erziehungsweisheit. Da
waren unsere alten Leute schlau. Statt zu drohen, verbieten oder
strafen, wußten sie ein besseres Heilmittel für irgendwelche Untugend.
Wer sich zum Beispiel gerne auf den Tisch setzte hieß es, der bekommt
blaue Beulen am Hintern. Doch nun zum Brauchtum, das mehr und mehr
schwindet.
Die Hauptbegriffe des Jahresablaufs waren den Vorfahren die Sonnenwende
des Mitsommers und Mitwinters. Mit Höhenfeuer wurden diese Sonnwendtage
gefeiert. Im Sommer warf man blühende Heilkräuter ins Feuer, die man
tags zuvor gesammelt hatte. Im Winter nahm man getrocknete Kräuter, um
dadurch den Segen und das Wohlwollen der Götter zu erflehen. Da unsere
Sonnwend in die Johannizeit fällt, taufte man es Johannifeuer, im
Volksmund auch "Kannsfeuer" genannt. Die um diese Zeit gepflückten
Heilkräuter enthalten in ihrer Blüte die größte Heilkraft. Beim
Holzsammeln fürs Kannsfeuer sang die Jugend dabei folgenden Spruch.
"Gebt ihr eure Steuer nicht, so lebt ihr auch im Himmel nicht. Ist ein
guter Herr im Haus, der langt das Holz zum Fenster raus. Ist niemand
drinnen, werden wir den Holzstoß schon finden". Eine andere Version
lautet: "Heut is der heilich Johannestoch, der Toch is am längsten,
Hulz hamma am wengsten, gebt ihr euer Steuer net, lebt ihr a im Himmel
net. Wollt ihr euer Steuer gem, sollt ihr a im Himmel lem. Heijodijo.
Zünd der Fra ihrn Rockn o‘, daß sie nümmer spinner ko, is a guter Herr
im Haus, der langt des Hulz zem Fenster raus. Is kanner drinnen, wermer
des Hulz scho finna."
Das gesammelte Holz wurde dann vom Roß, später vom Schlepper auf die
Höhe gebracht und auf den uralten Stammplätzen aufgeschichtet. Auch die
andern Dörfer taten das gleiche, so daß am Abend alle Feuer im Umkreis
zu sehen waren. Diese Feuer bildeten einen Kreis, um die Geister von
diesem Gebiet abzuhalten. Während das Feuer brennt, geschieht allerhand
Mummenschanz. Die männliche Jugend springt todesmutig über ein zweites
kleines Feuer, mit Fackeln werden die Mädchen erschreckt und
Sonnwendfäden spannten sich zwischen jungen Herzen, so daß der Zauber
der Johannesnacht oft Ehestifter wurde. Früher sammelte die Altbäuerin
gerade am Kannstag jene Wurzbüschel, die bis zum 15.August bereits
verblüht waren. Auch zu Heilzwecken wurde gesammelt, wie zum Beispiel
Arnika, Baldrian, Bienensaug (Salbei), Weinraute und Wermut, das
allheilende Johanniskraut, Rosmarin und Käsepappel. Früher steckte man
in der Johannesnacht die geweihten Palmzweige an drei Ackerecken, um
die Raupen zu verjagen - bei der vierten Ecke krochen sie scharenweise
aus dem Feld. Flogen die "Kannskäfer" – Glühwürmchen, dann durfte man
auf eine gewitterfreie Erntezeit hoffen. Nach der wochenlangen Ernte
winkte das Erntedankfest, verbunden mit dem sog. "allgemeinen
Kirchweihtag". Das heißt, alle Dörfer die keine eigene Kirche hatten
oder sich des Kirchweihtages nicht sicher waren, feierten an diesem Tag
"Kerwa". Aus diesem Anlaß wurde - mit selbst geerntetem Weizenmehl und
einem Feuer aus Buchenholz "Krapfen" gebacken. Das Krapfenbacken ist
kaum 200 Jahre alt. Ein alter Gemeinderatsbeschluß verbot das Backen
zur nächtlichen Zeit wegen Feuersgefahr. Zu diesem Festtag wurden
außerdem in allen Höfen Schweine geschlachtet, um Vorräte für den
Winter anzulegen. Wenn die Festlichkeiten vorüber waren, die letzte
Rübe im Keller und die Winterstreu gerecht war, kam die besinnliche
Zeit und damit verbunden, erwachten alte Bräuche.
Bis 1923 gab es im Dorf kein elektrisches Licht - da mußte am Tag
fleißig gewerkelt werden. Es galt, Futter für die Tiere vorzubereiten,
denn in den heiligen Nächten (24.12. - 5.1.) durfte nicht gearbeitet
werden. Es wurde auch vorgebacken, denn während der "Zwölfen" zu backen
bewirkte, daß das Backmehl nicht reichte und das Brot schimmelte. (Jede
Beck war ein Backofen voll, das waren immer 24 Laib Brot ) Doch nun zur
Wintersonnwende. Eigentlich leitete schon der Martinstag (Märtelstag am
11.11.) die Vorzeit dazu ein. Und mit ihm im Gefolge erscheinen alle
weihnachtlichen Vorboten, teils mit Kinderschreck, die aber auch als
Orakel angesehen wurden. Kathrein stell den Tanz ein am 25.11. hieß die
Losung für die Adventszeit. Alle blieben nun zu Hause. Die Frauen
sponnen Fäden und Zwirn, die Männer schnitzten Rechenzähne. Morgens zu
nachtdunkler Zeit ging man zur Rorate - einer Lichtermesse - die dunkle
Kirche wurde im Innern mit Kerzen erleuchtet - noch bis 1925. Den Namen
Nikolaus kannte man 1920 noch nicht, hier sprach man vom
"Eiser-Berter". Es war ein grober derber Kinderschreck mit
Kettengerassel, groben Unfug treibend, mit faulen Äpfeln werfend, der
nach der Dämmerung verkleidet und mit Bart, Stock und Hutzel (gedörrte
Birnen) in die Häuser kam und die Kinder verängstigte oder zu frechen
Spott animierte. Vor dem Heiligen Abend wusch die Hausfrau noch schnell
die Bettwäsche, denn ab 24.12. durfte kein Überzug mehr auf dem Seil
hängen, sonst gab es einen Viehverlust. Geschlachtet durfte nur werden,
wenn in den "Zwölfen" zunehmender Mond war - denn diese Mondphase
verhieß auch Fleischzunahme der neu gekauften Ferkel und lange
Fleischvorräte.
Der Zauber der Zwölf Rauhnächte oder zwölf heiligen Nächte.
In der Christnacht mußte man Hutzel essen, dann bleibt man gesund. Am
hl. Abend gab es Linsen, die tags zuvor gelesen wurden. (Die Bäuerin
warf einen Pfennig hinein, der ihn fand, besaß den Glückspfennig das
ganze Jahr. Kein Handwerksbursche durfte abgewiesen werden, im
Gegenteil, er bekam ein vollwertiges Mittagsmahl in den Gang gestellt.
Mittags beim zwölf Uhr läuten sind die Obstbäume geschüttelt worden, um
den Obstsegen zu bannen. Um diese Zeit stellten sich heiratslustige
Mädchen in die Haustüre, und rührten im leeren Topf, der dazukommende
Bursche war der Zukünftige. (Viel Burschen machten sich einen Spaß
daraus, die Mädchen damit zu ärgern.)
Das Hutzelessen am Barbaratag (4.12.)
Der Bauer vergrub die Hutzelstiele in der Miste zum Segen für das
kommende Obstjahr.In der Christmette sprach der Bauer über seine Pferde
den Wurmsegen, deshalb kam er nie in die Christmette. (Er sprach: In
der Christnacht geht der Heiland durch das Land, hat eine goldene
Pflugschar in der Hand. Da ackert er drei Würmer aus, das erste war
weiß, das zweite schwarz, das dritte rot, ihr Würmlein seid nun alle
tot.) Wer in der Christnacht seinen Schatten ohne Kopf sieht, der
stirbt im kommenden Jahr. Ein doppelter Rinderkopfschatten heißt: ein
Rind sterbe im nächsten Jahr, im Stall. Während der Mette konnte man
die Dorfhexen erkennen, wenn man sich auf ein Brettchen mit 9
verschiedenen Holzstückchen kniete, die Hexen hatten sonst unsichtbare
Buttersiebe auf dem Kopf. Beim Verlassen der Kirche durften sich die
Stühlchenknier von keiner Hexe sehen lassen, sonst regnete es
unsichtbare Maulschellen. Während der Mette muß der Tisch frei sein -
auch ohne Decke - damit das Glück im Haus bleibt. Die Schnittfläche des
Brotlaibes darf nie der Türe zugewandt sein, sonst kommt das Böse zur
Türe herein.
Die Mädchen stellen eine Schüssel Wasser vors Haus. Zeigt sich im sich
bildenden Eis eine 'Werkzeugfigur", kann man den Beruf des Zukünftigen
erraten. Andere sagen, daß das Backen von Schwarzbrot in den Zwölfen,
ein Leichenbrot ist, und der Kuhschatten ohne Hörner bedeutet den
Verlust des Tieres. Wer sich in der hl. Nacht auf einen Päck – oder
Hackstock setzt, hört besondere Geräusche, wenn er sie deuten kann,
weiß er um Neuigkeiten aus dem Dorfe. Knistern zum Beispiel bedeutet
Brand, Rauschen Überschwemmung, lautes Jammern sind Sterbefälle. Wer
auf dem Mettengang Hutzeln ist, dem geht das Geld nicht aus. Wer sich
auf einen Erbschlüssel - Schlüssel von einem ererbten Schrank z.B. -
kniet, sieht den Erdspiegel, d.h. er kann allerlei voraussagen. An den
Vorabenden der drei Hauptnächte - Heiligabend - Sylvester - Drei König
räuchert die Bäuerin, d.h. sie gibt die Stengel des Wurzbusches in
einen Topf mit glühender Kohle, trägt es durch sämtliche Räume des
Hauses, durch alle Ställe und den Hof. Soweit der Rauch zieht, verbannt
man die Unholde vom Haus. Das Vieh bekommt in diesen drei Nächten sein
Gelecke, das ist Weihkräuterzeug mit geweihtem Salz vom letzten
Dreikönigstag gemischt. Während der Zwölf soll man keine Schleißen zum
Einschüren machen, das bringt einen Brand ins Haus oder ein wehes
Fingerleid.
Wer ein Kind in der Fremde oder im Krieg hat, soll ein Wermutszweiglein
in die Miste pflanzen, bekommt es, heißt daß es lebt, welkt die
Pflanze, heißt es Tod. Reißt sich ein Vieh los, gibt es einen Todesfall
im Haus, füllen der Strohsäcke bringt den darauf liegenden Krankheit.
Jeder Todesfall in der Familie während der zwölf Nächte, zieht zwölf
Tote im Dorf nach sich. Man darf in dieser Zeit auch nicht flicken, das
flickt den Hennen die Lege zu, - nicht stricken, das behindert den
gesunden Nachwuchs bei den Tieren. Wer spinnt, verdirbt den guten
Flachsbau. Ein gesteckter Apfelkern bringt einen edlen Baum.
Glückskinder sind die in den "Zwölfen" geborene, sind die heiligen
Nächte stürmisch, gibt es im nächsten Jahr viel Obst. Kalbt eine Kuh in
der Zeit, muß man ein Mangelholz unter den Futtertrog legen, damit die
Hexen keine Macht über das Tier haben. Wie das Wetter in den zwölf
Nächten, so ist es auch die nächsten zwölf Monate. Helle Mette, dunkle
Stadel und umgekehrt gilt heute noch für ein gutes oder schlechtes
Erntejahr. Ist die Christnacht hell und klar, gibt es ein gesegnetes
Jahr. Christnacht kalt und Schnee, gibt Korn auf jeder Höh.
Das Fitzeln
ist der uralte Brauch des Streichens mit der Lebensrute. Dadurch erhält
man Jugend und Gesundheit. Unschuldigkindleinstag (21.12.) fitzeln die
Buben, am Neujahrstag die Mädchen. Man fitzelt mit dem Birkenreisig und
sagt: "Fitzel Fitzel rut, schmeckt der Pfeffer gut, schmeckt‘s Neujahr
a, willst auszoln a?". Daraufhin wurden die jungen Fitzler mit
Süßigkeiten belohnt.
Wer am Dreikönigstag
einen Kreis mit geweihter Kreide ums Butterfaß zieht, und dahinein drei
Kreuze zeichnet, dem wurde die Butter gelb und fest. Wer vom neu
geweihten Dreikönigswasser trinkt, bleibt von Halsweh verschont. Die
Asche des Christbaumes soll man in den Garten und über die Pflanzfelder
streuen, hält den Erdfloh und anderes Ungeziefer ab. An den Abenden
nach den drei Haupt - Rauhnächten nehmen die Männer ihre Frauen mit ins
Wirtshaus. Weihnachten trinkt man die Schönheit, Sylvester die Jugend,
Dreikönig die Stärke. Nach drei König gingen die Bauern wieder an die
Arbeit. Die Männer besserten die Gerätschaften aus, die Frauen
strickten, webten. Man ging in die Rockenstuben zu Tanz und
Geselligkeit. Bis 1930 etwa spannen die Frauen noch Wolle, vorher noch
Flachs für den Weber, auch Hanf wurde noch bis 1927 angebaut. Beim
Zwirnen drehte man drei, vier Fäden zu einem starken Faden, er diente
als Wurstband oder zum Säcke flicken. Mit einem breiten giftgrünen
Wollband war das Spinnzeug am Rocken festgemacht und umwickelt. Verlor
das Mädchen beim Spinnen den Spann (das war meist ein farbiger Glas -
oder Bleiring, der die leere Spindel anfangs beschweren mußte, zum
Herumwirbeln auf dem Boden), so verlor sie ihr Glück und mußte ein Jahr
länger auf ihre Heirat warten.
Maria Lichtmeß
war der wichtigste Bauernlostag. Da hatten die Dienstboten ihre
"Körbelwal", d.h. ihren Urlaub von meist nur drei Tagen. Sie gingen mit
ihren Körbchen auf dem Rücken heim zu ihren Angehörigen, bepackt mit
allerlei Lebensmitteln - Teil des Lohnes - sowie ihrer alte Wäsche zum
Ausbessern. Die Knechte trugen ihr Habe im Bündel, in der Hosentasche
klimperte das Geld - ihr Lohn - den sie oft genug im Wirtshaus
versoffen. War aber Dienstboten-wechsel, dann holte der neue Herr die
neuen Leute mit dem Wagen ab, auf dem die ganze Habe lag.1925 gab es in
Nankendorf noch 30 Dienstboten.
Nun nahte langsam die Fasenacht,
damit kam das Ende der Rockenstuben. Am Fosenachttag kam jedes Kind mit
einem Pressack in die Schule, es galt sich ordentlich satt zu essen für
die Fastenzeit. Auch die Dienstboten bekamen schon früh zum Kaffe ihren
Pressackanteil - wer am Tag vorher im Hemd mit einem Pressack ums Haus
lief und nicht erwischt wurde, durfte ihn behalten. Auch für diese Zeit
gab es viel Ge- und Verbote zu beachten.
Gebote: Die Hausfrau mußte vor Sonnenaufgang die Stube kehren und das
Kehricht auf des Nachbarn Miste werfen, damit bannte sie das Ungeziefer
im Haus - sie durfte aber dabei nicht erwischt werden, sonst gab es
Verdruß mit dem Nachbar. Man muß bedenken, daß es noch 1925 kein
Stubenfegen, sondern nur das Kehren gab, d.h. aus selbstgesottener
Seife (Abfallfett und Grünsoda) wurde ab und zu der Holzboden gereinigt
und anschließend mit Sand bestreut. War der Sand stark verschmutzt, ist
er ausgekehrt und neu bestreut worden. Das Körperbad war sowieso ein
Luxus, den sich niemand leistete. Vor Sonnenaufgang mußte die Bäuerin
Holz holen, dann entdeckte sie alle heimlichen Hühnernester. Daten es
die Buben, blieb ihnen kein Vogelnest verborgen. Man muß mit Kienspänen
einschüren, dann geht das Holz nicht aus, wer gesottene Eier ist,
bekommt kein Halsweh. Vor Sonnenaufgang müssen noch drei Gabeln Mist
auf die Miste, dann langt er fürs ganze Jahr.
Fosenocht
soll das Jungvieh zum Ziehen eingewöhnt werden, dann lernt es leichter.
Abends muß man die Sonne in den Stall sperren, d.h. rechtzeitig
abstallen, bevor die Sonne untergeht, dann wird man übers Jahr bald mit
der Arbeit fertig. An Fastnacht muß man den Rocken verstecken und
tanzen, dann gedeiht der Flachs. Die Bäuerin muß aus dem offenen
Fenster die Hühner in den Hof locken, dann verlegen sie nicht. Die
Bäuerin soll um den Tisch einen Kreidekreis ziehen und die Hühner
hinein locken. Jenes Huhn, das nicht hinein geht, verlegt die Eier.
(Früher war im Winter über der Hühnerstall unterm Ofen in der Stube,
also mutet der Kreis im Zimmer nicht unmöglich an) Wer einem Armen an
Fastnacht ein Almosen gibt, bekommt einen Gönner.
Verbote: Nicht spinnen, sonst wird man beim Grasen von einer Schlange
erschreckt. Kein Wasser trinken, sonst wird man von Schnacken gebissen.
Die Hausfrau darf den Hof nicht verlassen, dann bleiben die Hühner zum
Legen im Nest.
Scheint Fastnacht
die Sonne, werden die Ochsen teuer. Öffnet ein junges Mädchen unbegatzt
den Hühnerstall und es fliegt ein Huhn über die Hand, kommt es übers
Jahr zu einer Hochzeit, fliegt aber der Hahn, bricht der Bursche die
Treue. Wirft ein junges Ding ein Ei in den Brunnen und es geht unter,
bleibt der Rockenstubenbursche treu. Vergleicht man die
Fastnachtbräuche mit denen der Zwölfen, so fällt auf, daß bei den
Zwölfen die Sorge um die Mächte der Unholde und Hexen, sowie ein Blick
in die Zukunft Vorrang hatte, dagegen bei den Fastnachtbräuchen stand
mehr das kleine Glück und die Erhaltung von Hab und Gut im Vordergrund.
Daß dabei die Hühner eine große Rolle spielen, verwundert nicht, waren
doch die Eier Haupteinnahmequelle für die Bäuerin, denn Schmalz - und
Butterverkäufe flossen in die große Kasse. Mit dem Beginn der
Fastenzeit hörte auch das Wurstfahren auf. Beim Wurstfahren kamen
verkleidete Burschen und Mädels mit Klang und Tanz ins Schlachthaus des
Bauern, dabei durften sich die Leute in ihren Masken keinesfalls
auffällig benehmen. Es galt, daß derjenige, der erkannt wird sich
sofort demaskieren mußte, er bekam dann keine Belohnung. Beim Fortgehen
bekamen die jungen Leute ein Bündel Wurst und Pressack mit, die sie im
Ausgangshaus verzehrten. Im Schlachthaus durfte wegen der verhüllten
Gesichter nicht gegessen werden.
Aschermittwoch.
Wenn sich die Sonne nicht sehen läßt, bleibt sie die ganze Fastenzeit
unsichtbar. Man betet täglich den Rosenkranz. Die Bäuerinnen gehen
schwarz gekleidet zur Kirche. 1964 gab es nur noch 25 Frauen, die
Tracht trugen. Nun wurde im Freien gebäckt und Streubündel gehackt.
Palmsonntag. Der zuletzt aufstehende ist der Palmesel im Haus. Die
geweihten Palmzweige steckt man teilweise hinter den Spiegel zum Schutz
gegen Blitzschlag, manche bringen den ganzen Bündel unters Dach. Gegen
Hagelschlag sollen die Palmzweige aufs Feld gebracht werden. In der
Palmwoche soll man waschen, dann bleibt die Schrankwäsche schön weiß.
Osterbräuche.
Alle Gründonnerstagseier gehören den Männern, die auch die Nester
ausnehmen müssen, das gibt Kraft für die schwere Arbeit - diese Eier
sollen schon im Hühnerbauch einen Segen haben. Gern setzt die Bäuerin
solche Eier am Karsamstag zur Brut an, wenn sie gerade eine Glutzhenne
hat. Das am Ostersamstag geweihte Gründonnerstagsei wurde auch unter
dem Mühlsteg vergraben, als Schutz vor dem Hochwasser. Neben der
Haustür eingegraben schützt es vor Einbruch, übers Haus geworfen, vor
Blitzschlag. Übrigens legen junge Hühner oft ein winziges Rundei, das
"Ureckela" d.h. wohl von Urias - den Teufel abgeleitet. Dieses Ei mußte
sofort über die Schulter hinweg übers Haus geworfen werden, damit
Unheil abgewendet wird. Wenn es am Karfreitag regnet, hilft der Regen
das ganze Jahr nicht, scheint aber die Sonne, wird es ein fruchtbares
Jahr.
Am Karfreitag
darf man nicht mit geschmierten Schuhen übers Saatfeld gehen sonst wird
das Getreide brandig. Die Karsamstagseier gehören der Frau, sie dürfen
weder verkauft noch zur Speisenenherstellung verwendet werden. Der
"Ostersame" - die in der Karsamstagnacht gerupfte Saat des Jungkorns -
soll den Kühen gegeben werden, dann gibt es fette Milch das ganze Jahr.
Am Ostermorgen sollen sich die Mädchen unbegatzt und wortlos gegen
jeden begegnenden im Dorfbrunnen waschen - das gibt Schönheit und
Jugendfrische. Das gilt aber nur für das erste Mädchen, das zum Brunnen
kommt. Wenn man sich außerdem am Ostersonntag mit dem Tau das Gesicht
benetzt, bekommt man eine schöne Haut. Vor Sonnenaufgang können sich
die Mädchen am Osterbrunnen die Sommersprossen weg waschen,
vorausgesetzt, sie haben seit dem Aufstehen zu keinem ein Wort gesagt.
Nach der Waschung werden die Hände am Hintern abgetrocknet mit dem
Bannspruch: "Ihr Summetsfleck, jetzt schlog ich euch on mein Orsch".
Noch vor dem zweiten Weltkrieg sang die Jugend in aller Früh auf dem
Berg Osterlieder. Die Brunnen schmückte man mit bunten Bändern und
ausgeblasenen bemalten Eiern. Bis zur Verehelichung ein Schluck Wasser
vom Osterbrunnen getrunken bringt Gesundheit. Das Patenkind bekommt
seinen Eierring und gefärbte Eier. Der Eierring besteht aus einem
runden Hefezopf mit Mandelsplitter belegt. Die gefärbten Eier werden
von den Kindern auf der Wiese in die Höhe geworfen. Wenn sie aufplatzen
kann man sie essen, aber nicht vorher. Wer dabei ein Ei in den Bach
wirft, das dann nicht untergeht, verheißt es Unglück für den Hof. Guckt
ein Mädchen in der Osternacht bei Mondschein in den Brunnen und sieht
ein männliches Gesicht im Wasserspiegel, wird es noch dieses Jahr
heiraten, das Gleiche gilt für den Ostertraum.
Vom Osterfeuer
an Karsamstag (Judasverbrennung) wird Asche mit heim genommen, ein
bißchen davon kommt ins Weihwasser, einige wird für Aschermittwoch
aufgehoben und in der Walpurgisnacht hilft sie gegen Hexen. Außerdem
gedeihen die Ferkel besser, wenn sie etwas Asche bekommen haben.
Walpurgis. ist die Freinacht der Hexen, die jetzt auf den Blocksberg
reiten, um mit dem Teufel wilde Orgien zu feiern. Die Hexen reiben sich
zu Hause mit Hexensalbe ein, wodurch der Leib todähnlich schlafend im
Bette liegen bleibt, während die Seele den Körper verläßt, um eben das
Hexenfest zu feiern. Noch 1919 übte man in Nankendorf das
Hexenauspeitschen. Bei Einbruch der Dunkelheit ging ein wüstes
Peitschenknallen durch die Straßen, niemand ließ sich zu dieser Zeit
auf der Straße sehen, denn wer auf der Straße angetroffen wurde war
eine Hexe und wurde mit wüsten Peitschengeknalle bis vor die Haustüre
verfolgt. Auch vor den Häusern der bösen Frauen machte man diese
Knallmusik - je mehr die Alten dann schimpften, um so lauter erschollen
die Peitschen. Die Bäuerin legte an Walpurgiabend Stachelbeerzweige vor
Türen und Fenster um den Hexen den Eingang ins Haus und in die
Nebengebäude zu verwehren. An die Stalltüre machte man außerdem mit der
Kohle vom Osterfeuer 3 Hexenkreuze oder man legte 2 Gerätestiele
kreuzweise vor das Tor. Fronleichnam läßt man die Kleinkinder den
letzten Altar küssen, um sie vor Krankheit zu schützen, außerdem bricht
sich die Bäuerin ein Birkenzweiglein vom Altarschmuck ab, um es zuhause
unters Dach zu legen - es hilft gegen Blitzschlag.
Nach Ostern
schweigt die Stimme festlichen Brauchtums, aber das Alltägliche lebt
weiter. Der zum erstenmal aufs Feld fahrende Bauer, muß vorher seine
Peitsche schmieren, damit er, 1. das Gespann nicht umwirft, 2. das Vieh
nicht scheut, 3.die Schnecke nicht am Kraut frißt. Wer das erstemal
grast oder Grünfutter macht, muß getauft werden. Das geschah oft
hinterrücks, indem man den Betreffenden nichtsahnend mit einem Krug
Wasser überschüttete. Natürlich nimmt der Bauer bevor er das Haus
verläßt seinen Weihbrunnen. Wer zum ersten Getreideschnitt ging, nahm
einen Krug Brunnenwasser mit, den durfte er aber draußen nicht trinken,
sondern mußte ihn genauso wieder nach Hause tragen und auf dem leeren
Heuboden ausschütten - was die Mäuse vom Körnerfraß abhalten soll. Hat
eine Kuh gekalbt, darf man unter drei Tagen nichts von bäuerlichen
Gerätschaften ausleihen, sonst verwirft die Kuh bei der nächsten
Trächtigkeit. Beim Wurstsuppenaustragen erhielt der Träger ein Stück
Schwarzbrot, damit die nächsten Jungschweine rascher fett werden. Diese
sollten auch nur bei zunehmenden Mond gekauft oder geschlachtet werden,
weil dann die Gewichtszunahme begünstigt ist. Ein Stück Vieh muß mit
dem Führerstrick (der keinen Knoten haben darf = bringt Unglück)
verkauft werden, damit der Käufer das Glück mit in seinen Stall nimmt,
auch bekommt das Vieh ein Stück Schwarzbrot, damit es sich im neuen
Stall besser eingewöhnt. Beim Buttern stand man immer mit dem Rücken
zur Tür, das bringt mehr Butter. Vor dem Einzug in ein neues Haus mußte
eine schwarze Katze drinnen nächtigen - sie zog das Unglück an sich und
trug Glück ins Haus. Wer beim Backen am Backofen ißt, bekommt spindigs
(zusammengefallenens) Brot. Kommt man vom Viehkauf, muß man beim
Heimkommen den Stall zuerst mit dem rechten Fuß betreten = Glückstritt.
Beim Anklopfen soll man nicht in der Türschwelle stehenbleiben, sonst
rührt sich der Erdwurm = Unglückswurm. Beim Betreten eines fremden
Stalles sagt man "Wünsch Glück nein Stoll". Beim ersten Pflügen
bestrich der Bauer die Schar mit etwas geweihtem z.B. Asche vom
Osterfeuer.
Wurzbüschel.
Das Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August warf für die Bäuerin schon
eine Woche im Vorher seine Schatten voraus. Überall in Feld und Flur
suchen ihre Augen nach Wurzbüschelkräuter. Es galt "Gold Weihrauch und
Myrrhe zu weihen," also schöne duftende und heilsame Kräuter, wie zum
Beispiel: Raifling, Dadalier, Dost, Stockrose, Malve, Teufelsabbiß,
Fünffingerkraut, Gänsefingerkraut, Filock, Phlox, Feldstiefmütterchen,
Stolzgras, Goldball, Wermut, Rainfarn, Eisenhut, Fuchsschwanz,
Wachtelweizen, Haselnuß, Ringelblume, Silberdistel, Odermenning,
Eibisch, Kamille, Pfefferminz, Schafgarbe, Königskerze, Quendel,
Schlehendörner, Heidekraut, Beifuß, Tausendgüldenkraut, Girsch,
Stilitzennölz (eine Art Arnika, aber größer). Zu guterletzt kommt noch
etwas Schweinefett in den Büschel, zum Peitschenschmieren.
Brauchtum um Geburt.
Solange das Kind nicht getauft ist, darf man die Wöchnerin nicht
alleine lassen.- "Balg-Umtausch-Gefahr" - eine "Unheimliche" tauscht
ihr Kind gegen das Kind der Wöchnerin. Dieses fremde Hexenkind ist
häßlich, macht viel Kummer. Hat das Neugeborene lange Haare muß ihm die
Mutter vor der Taufe das Vaterunser in den Mund beten. Das während der
Taufhandlung weinende Kind wird gern kränklich. In den ersten 6 Wochen
darf keine Kindswäsche ins Freie gehängt werden, sonst bekommt das Kind
die "Wind" (weil der Wind durch die Wäsche weht). Schaukelt man die
leere Wiege, bekommt das Baby Bauchweh. Der erste Kindsurin muß unter
einen Apfelbaum geschüttet werden, dann bekommt das Kind rote Backen.
Man hat es nicht gerne, wenn beim Taufgang eine alte Frau über den Weg
läuft. Erst mit einem Jahr darf das Kind in den Stall getragen werden,
sonst bekommt es Kühflecken = Sommersprossen. Auch dürfen die
Fingernägel erst nach einem Jahr geschnitten werden, sonst bringt es
Unglück über das Kind. Läßt man Kinder vor einem Jahr zusammen
schlafen, lernen sie schwer sprechen - gilt aber nicht für Zwillinge.
Wenn die Mutter mit dem Kleinen einen ersten Besuch macht, bekommt das
Baby ein "Zahnei" ein frisches Ei zum Erleichtern des Zahnens. Kommt
man in ein Haus, in dem kleine Kinder sind, muß man sich setzen und
wenns nur für einen Augenblick ist, damit man die Schlafruhe der Kinder
nicht aus dem Hause trägt. Das Kerzendreier auswerfen ist ein Freikauf
von bösen Mächten.
Hochzeitsbräuche.
Der Bräutigam muß die Wiege vom Kammerwagen ins Haus tragen, damit es
Kindersegen gibt. Beim Verlassen des Hauses zur Trauung gibt die Braut
einem Dorfarmen ein Brotstück mit einem Geldstück drin, damit bringt
sie das Unglück aus dem Haus. Soll der Brautsegen anhalten, muß die
Frau die Kirche zuerst mit dem linken Fuß betreten. Auf dem Kirchgang
darf sich keiner der Brautleute umdrehen - da sucht sich der Umdrehende
bereits den zweiten Partner, der sich nicht umdrehende stirbt aber
zuerst. Der häufige Platzwechsel während des Trauamtes bedeutet das
Aufgeben des Eigenrechtes. Nach der Trauung, bei Ankunft am Wohnhaus,
muß die Türe versperrt sein, die Braut mußte anklopfen und durfte erst
nach Zuruf eintreten. Dabei sollte sie darauf achten, mit dem rechten
Fuß zuerst über die Schwelle zu treten. Während der Traumesse küßt die
Braut das Bild im Meßbuch mit dem Gekreuzigten, dazu legt sie 2 Taler
hinein - der eine davon muß im Meßbuch umgedreht und gleich wieder
eingesteckt werden - dies war der fürs Leben unantastbare Glückstaler.
Der zweite Taler blieb im Meßbuch, für den Pfarrer. Das Geldauswerfen
nach der Messe vor der Kirche gilt als Glückszoll und Beweis für die
Freigiebigkeit des Bräutigams. Außerdem darf während der Trauung kein
Grab offen sein - bringt dem Paar Unglück. Am Vorabend der Trauung ißt
das Paar Reis = Kindersegen. Der Braut stiehIt man vom Tisch weg ihre
Schuhe oder dergleichen, die Braut darf sich nichts anmerken lassen -
damit stiehlt man das Unglück weg. Auch die Braut darf gestohlen
werden, wenn die Zeugen nicht aufpassen, sie müssen die Braut wieder
einlösen - gilt für das Versprechen der Zeugen, auf das Paar
aufzupassen und in schlechten Zeiten zu helfen. Die Braut darf am Tisch
nicht übermütig fröhlich sein, jetzt gilt ihre Sorge dem Mann und der
Familie. Brauttränen müssen mit dem Brauttuch abgewischt werden - das
nicht gewaschen werden darf - bringt Glück. Übrigens, noch 1920 mußte
der 5te Span vom Brautrocken übers Haus geworfen werden und die Braut
mußte über den Tisch springen ohne was umzuwerfen.
Der Tod.
Ruft das Käuzchen nachts ums Haus, in dem ein Kranker liegt bedeutet
das den Tod. Das Aufheulen des Hundes ist eine Meldung für einen
Kriegertod. Bleibt die Uhr grundlos stehen - tut es einen Schlag im
Haus - klopft es ans Fenster oder an die Türe, klopft der Erdschmied
oder tickt die Totenuhr, so sind das Meldungen naher Verwandter in der
Todesstunde. Das Ticken der Totenuhr hat sich als Schmatzen des
Holzwurms im Riegelfachwerk erwiesen, der Erdschmied ist wohl der
Holzkäfer, den man auch als Totenkäfer bezeichnet. Ein Sterbender darf
keinem Spiegel gegenüber liegen, das zieht einen zweiten Todesfall nach
sich. Steht jemand zu Füßen des Sterbenden, nimmt der Todeskampf kein
Ende, muß der Leichnam lange liegenbleiben. Den Toten müssen sofort die
Augen zugedrückt werden, damit er Ruhe im Grab hat. Auf die Leich darf
keine Träne fallen, das zöge einen weiteren Todesfall nach sich. Wer
eine Leiche bei der großen Zehe anpackt, verliert die Furcht vor den
Toten und traut sich auch nachts auf den Friedhof, bzw. in die
Sterbekammer. Der Tote soll nie im oberen Stockwerk aufgebahrt werden,
da er dann quasi über den Lebenden weilt. Nach dem Tode des Hausherrn
muß das Vieh aufgejagt werden; das Vieh das liegenbleibt, muß bestimmt
in diesem Jahr notgeschlachtet werden. Auch Bienenstöcke und junge
Obstbäume müssen geschüttelt werden. Der Sarg mit dem Toten muß beim
Wegtragen dreimal unter der Haustüre auf und niedergesetzt werden als
Abschied vom Hof, außerdem müssen seine Ackerpferde mit Salz und Brot
gefüttert werden, und der Tisch muß leer sein.
Vom Segenbeten.
Wer hat nicht schon vom Segenbeten gehört. Tiefer Aberglaube des
Heidentums verband sich mit christlicher Zuversicht zur Verehrung der
Mächte zwischen Himmel und Hölle. Das Unheimliche, unsichtbare konnte
helfen, um die Seele mit demütigen Glauben und Schauer zu füllen.
Denken wir an die Merseburger Zaubersprüche, die literarisch gesehen,
kleine Kunstwerke der Sprache sind und überdies Kenntnis von der
vorchristlichen germanischen Wesenart und Dichtung geben. Solche
Zaubersprüche gab es auch hier in der Gegend genügend, obwohl bestimmt
viele im Laufe der Jahrhunderte ihre Originalität eingebüßt, oder schon
in Vergessenheit geraten sind. Man nahm dieses Beten sehr ernst, es
wurde unter dem Siegel der Verschwiegenheit gehandelt, nur fromme
Menschen mit einem untadeligen Lebenswandel, konnten das Beten heilsam
anwenden. Geheim hielt man die Namen der Anbeter, die Gewalt über die
bösen Mächte hatten. Meist waren es alte Frauen, die mir diese Sprüche
im Flüsterton mitteilten, mit dem Vorbehalt, niemand davon zu erzählen
- sie fürchteten Spott, früher den Tod - denn zu Zeiten der Inquisition
hätte man solche Leute auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Rotlaufsegen.
"Ihr Rötstreifen, verlauft euch. Hört ihr ein Glöcklein klingen ? Hört
ihr drei Epistel singen ? Drei Evangelium lesen ? Bis da hin muß der
Rotlauf verschlummern, verwesen. Das helf mir Gottvater, Gott Sohn,
Gott Heiliger Geist - heilige Dreifaltigkeit." Dieser Spruch mußte
dreimal, allein beim Kranken, gleich Mensch oder Tier gebetet werden,
unter großer Anstrengung und Gedanken an die göttliche Hilfe. Zweiter
Rotlaufsegen. Du hast das Rotlauf und den Fluß (Rheuma) Christ Jesu
vergoß sein Blut. Jesus hatte 5565 Wunden empfangen, nicht eine einzige
hat das Rotlauf verursacht. So bitte ich durch alle Wundenblüte – heile
das Rotlauf in deiner Güte. Das hilf, Gott Vater und Sohn, Gott
Heiliger Geist + K + No + M + B +B +ODB +++FF.
Die letzten Geheimzeichen bedeuten vermutlich Nothelfer oder andere
Heilige, die selber Rotlauf hatten und diesen Segen beteten. Die
Heiligen müssen aber unbedingt geheim bleiben, erklärte mir die
Mitteilerin. Die Kreuze stehen jeweils für den Spruch zum zweiten
Rotlaufsegen, sowie für die Geste des Segnens. Bei den Geheimzeichen
könnte es sich um Katharina, Notburga, Margarete, Maria, Barbara,
Benedikt und die drei Weisen handeln. Dazu mußten fünf Vater unser, das
Gegrüßt seist du Maria und das Glaubensbekenntnis gebetet werden.
Zahnwehsegen.
Geh ich zur Kirch hinein, tret ich das Zahnweh mit dem Bein. Es helfe
mir Gottvater, Gottsohn, Gott Heiliger Geist. Man durfte dabei nicht
ganz in die Kirche gehen, nur mit dem rechten Fuß.
Bruchsegen.
Eine längst heimgegangene Frau wurde von den jungen Müttern immer
wieder geholt - insgeheim - um den Bruch eines Kindes zu besprechen.
"Keil steh still, so ists Gottes Will". Im Namen des Vaters... dazu
kamen drei Vaterunser.
Blutstillsegen.
(Gegen Nasen - oder Wundbluten.) Es sind drei glückselige Stunden in
die Welt gekommen. In der ersten ist Gott geboren - in der zweiten,
Gott gestorben und in der dritten, wieder lebendig geworden. Jetzt denk
ich an die drei glückseligen Stunden und bitte Dich Gott, zu stillen
die N.N. damit das Gliedwasser und das Blut dazu heilen diesen Schaden
und die Wunden dreimal segnen und beten - danach muß der Beter einen
Tag streng fasten.
Geschwulstsegen.
Geschwulst - Geschwulst - Geschwulst ich gebiete dir im Namen Jesu
Christi, daß du dem N.N. so wenig schadest wie Herrn Jesu Christ die
drei Nägel geschadet haben, die ihm die Juden durch Hände und Füße
geschlagen. (Diesen Satz dreimal sprechen, danach den schmerzhaften
Rosenkranz beten, nach Gottes Will)
Blutstillsegen,
2. Fassung. Auf Christi Grab wachsen drei Lilien, die erste heißt
Jugend, die zweite Tugend, die dritte heißt Fasten. Blut steh still
(dreimal bekreuzigen und die fünf Wunden 3x beten).Manchmal scheint ein
rechter Unsinn in diesen Formeln zu stecken, doch wenn man sich in die
alte Welt versetzt, viel Jahrhunderte zurück, beschränkter
Gedankenkreis, Ärztenot, und der starke Wunderglaube suchten mit
heftigen Willen eigene Heilmethoden, die in beschwörenden Besprechungen
und Gebetsegen den gesuchten Ausdruck fanden. Wurde der Kranke geheilt,
so schrieb man der Besprechung dies Wunder zu. Halfen die Gebetsegen
nicht, so hatte das seine Ursache entweder im Unglauben an die Hilfe,
oder es scheiterte an Gottes Willen. Diese Formeln wurden sehr geheim
gehalten, sie durften nicht aus der Familie weitergegeben werden und
wenn doch, dann nur an auserwählte Menschen.
Die alten Bäuerinnen kannten auch viele Wunderkräuter in Wald und Flur,
zogen auch selbst welche in ihren Wurzgärten, wenn man ihre Heilkraft
kannte. Einem Heftchen einer Urahnin entnahm ich einige Rezepte. Bei
kontrakten Gliedern hilft das Einschmieren mit Dachsfett vortrefflich.
Um Wunden zu heilen wird Immergrün zerbröselt und aufgelegt. Gekauter
Anissamen fördert den Schlaf und macht gute Träume. Gegen
Sommersprossen fange Tau, der auf der Weizensaat liegt, mische ihn mit
Rosenwasser und Weißlilienöl, beides selbstgemacht, und bestreich die
Flecken. Johanniskrauttee hilft geronnenes Blut im Leib zerteilen. Wer
außerdem 2 x täglich eine Tasse davon trinkt, stärkt Leber und Nieren,
teilt Nierensteine. Gegen Ansteckung von Krankheiten solle man
Rosmarinblätter roh kauen, oder gebrannte Kaffebohnen oder
Wacholderbeeren, oder starken roten Wein trinken. Weiße Schafgarbe ist
ein Stärkungsmittel für die Frauen, rote, für die Männer. Wermut ist
ein altbewährtes Magenmittel, ebenso Weinraute. Auf eine schlecht
heilende Wunde lege man Schöllkraut oder Holunderblätter. Auf
Rotlaufstellen legt man die roten Blätter des grünen Heinrich.
Heusamen-Fußbäder vertreiben Rheuma, Eichenrindenabsud die Frostballen.
Bäuerliche Unglücksboten.
Man blieb von der Arbeit daheim, wenn einem der Kuckucksruf in den Hof
schallte. Rief er übers Dorf hinweg, gabs bestimmt bald eine Leich.
Schreiende Elstern um den Hof brachten ebenso Unglück. Bildete sich im
Schmalztopf ein Fettseelein oben in der Mitte, so rechnete man mit
einem Todesfall in der Verwandschaft. Flogen früh schreiende Raben ums
Haus, gabs einen Unglückstag, schrien sie am Abend, wirkte es sich
segensreich für den nächsten Arbeitstag aus. Hoppelt ein Hase über den
Weg, wirds ein guter Tag, vielleicht sogar Kindersegen, Glück bedeutet
auch, wenn einem ein ausgewachsenes Schwein über den Weg läuft, es war
sogar ein "Sauglückstag". Schreiende Wasserhühner bedeuten Gewitter,
wie auch ein Hahnenruf tagsüber. Wenn nach 16 Uhr die Hennen zu krähen
anfangen, muß man sie schlachten, sie rufen sonst das Unheil auf den
Hof. Weiße Ähren im Feld, oder ein weißer Grashalm, weißes Heidekraut
oder weißer Feldfingerhut bedeuten Tod. Nach dem Schnitt findet man in
den Feldern meist kleine trichterförmige Pilzchen, die entweder leer
sind - dann verheißen sie ein unfruchtbares kommendes Jahr, haben sie
winzige laibförmige Samen - kommt ein gutes Erntejahr. Mutterkorn hat
man nicht gerne im Getreideacker, es ist ein Höllengruß. Zieht sich ein
Brandstreifen = ein im Wachstum zurückgebliebenes Fruchteckchen, mitten
durchs Feld, hat man einen Feind (in neuerer Zeit kann auch der
Kunstdünger dran schuld sein) Fällt der Holzstoß im Hof ein, gibt es
Nachwuchs. Schlägt die Turmuhr ins Wandlungsleuten, gibt es einen
Todesfall in der Pfarrei. An den vier goldenen Sonntagen im Jahr, soll
die Sonne nicht durch die Wolken drücken, dann ist das folgende
Vierteljahr segensreich. Jucken in der rechten Hand = Geldverlust, in
der linken= Geldgewinn. Klingt das rechte Ohr, reden die Leute schlecht
von einem, klingt es im linken , dann ist es Gutes. "Rechts wos
schlechts links do klingts". Nasenjucken auf nüchtern Magen prophezeit
eine Neuigkeit, dreimaliges Niesen eine gute Neuigkeit. Putzt sich die
Katze gegen die Türe, kommt Besuch - dagegen ins Zimmer hinein, mit dem
Gesicht, bleibt das Gute im Haus. Gibt es im Jahr viel Haselnüß -
werden viel Buben geboren.
Eine kleine Geschichte.
Ich unterhielt mich gerne mit einem alten Mann aus dem Dorf, der nun
schon einige Jahrzehnte unter der Erde liegt und von dem die Leute
behaupten, daß er das böse "Gschau" habe. Schlimme Sachen wurden über
ihn verbreitet. Doch gerade deshalb ließ ich mich mit ihm ein. Viele
Sachen vertraute mir der alte Mann an, ob voll Stolz oder
Wichtigtuerei, oder im Glauben an seine Kräfte - ich weiß es nicht. Er
sagte immer wörtlich: "Ich kann nichts dafür, daß ich ein
Karfreitagskind bin, deshalb gehen meine Wünsche, auf andere bezogen
immer in Erfüllung, ob gedacht oder gesprochen, ob gut oder böse." Und
er erzählte, Da hat mir einmal ein großer Pferdebauer in meinem Feld
ohne Recht eine Fuhre gemacht und mir die Saat 5 Meter breit
vernichtet. Da kam mir der Zorn und ich sagte zu dem Bauern: "Deine
Gäule sollen kreuzlahm werden, für den Schaden, den du in meinem Feld
angerichtet hast". Und tatsächlich, seine Gäule konnten bald nicht mehr
gehen, er mußte sie verkaufen. An einem gewittrigen Sonntagnachmittag
begegnete ich dem Alten bei einem Spaziergang und eröffnete ihm meine
Gewitterangst. Da lächelte er mich schlau an und tröstete: "Sie
brauchen keine Angst zu haben, ich helf Ihnen, daß heut nacht kein
Gewitter ins Dorf kommt".
Und tatsächlich, alles Knurren und Wetterleuchten berührte nur den Rand
des Dorfes, er hatte Recht behalten. Als ich Ihm am nächsten Tag wieder
traf, rief er mir strahlend zu: "Na wos hob ich gsocht". Beeindruckt
bat ich ihn, mir sein Geheimnis zu verraten. Er sagte zu und bat mich
in seine gute Stube, damit niemand anders etwas hören konnte. "Erst bet
ich das Schuldbekenntnis, dann gegen die Wetterseite das
Johannesevangelium, - das muß sein, weil in beiden Gebeten die Namen
der zwei großen Johannes vorkommen, dann segne ich die Gewitterwolken
und beschwöre sie in die Richtung, die ich will." Einst machte der Alte
mit seinem Nachbarn einen Ackerverkauf aus. Als man sich einig war,
fuhr man zum Notar, wegen der Überschreibung. Doch plötzlich stellte
der Alte andere Bedingungen - wahrscheinlich reute ihn das
leichtfertige Versprechen, so daß der Verkauf nicht zustande kam.
Deshalb wurde der Käufer zornig und nannte ihn einen Lumpen. "Den
Lumpen sollst du heut noch bereuen", schrie der Alte. Unverrichteter
Dinge fuhr man wieder heim. Was geschah. Als sich der Käufer zu Hause
umzog, tropfte er nur so von Läusen aller Art. Vom Kopf fielen sie
herunter, aus dem Joppenkragen quollen sie heraus und das Hemd
wimmelte. Man lachte ungläubig darüber, doch es war wahr, denn als ich
davon hörte, ging ich sofort hin und überzeugte mich von der Tatsache.
Nach drei Tagen, verschwanden die lieben Tierchen wieder von alleine.
Einmal hüteten zwei halbwüchsige Burschen am Sonntag nachmittag ihre
Kühe in der Neunerhaid. Auch der Alte kam mit seinen beiden Kühen dazu.
Auf dem Heimweg kam den Buben der Mutwille, dem unbeliebten Alten einen
Schabernack zu treiben. Als sie am Ackerrain ein Wespennest sahen,
stand der Plan fest. Sie trieben ihre Kühe ein gutes Stück weiter, dann
kamen sie zurück, stocherten in dem Nest herum. Als nun der Alte
nachkam, fielen die wütenden Wespen über den Alten und seine Kühe her.
Natürlich erkannte der nun, wer an diesem Dilemma schuld war, denn die
Jungen lachten schadenfroh. Wütend geworden fluchte er den beiden
hinterher: "Des kostet jeden von euch eine Kuh". Und tatsächlich, kurze
Zeit darauf, an einem Sonntag vormittag ging jedem der zwei Burschen
eine Kuh an unbekannter Krankheitsursache ein.
· Brauchtum in Nankendorf-Löhlitz-Neusig, siehe auch Hollfelder Blätter
Jg. 4, Nr.1 Seite 20; Nr. 2, Seite 25, 31, 39. Nr.3, Seite 50
· Johannesfeuer, siehe Hollfelder Blätter 3. Jg. Heft 2 Seite 40, 4. Jg. Heft 2, Seite 37-39.
· Segen-Beten, siehe Hollfelder Blätter Jg. 5. Heft 1 Seite 2-3
· Wetterkünder, Wetterregeln, siehe Hollfelder Blätter Jg. 1978 Heft 2 Seite 39-40.
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